Was ist eigentlich Evangelisch?
Was ist eigentlich Evangelisch?
Liebe Gemeinde, eine gute Frage? Nächste Frage?
Nein. Bleiben wir mal dabei. Was ist eigentlich evangelisch?
Ich will versuchen in diesen paar Zeilen einen kleinen Zugang dazu zu bieten. Im vollen Bewusstsein, dass nur einige Aspekte dieser wichtigen Frage angerissen werden können
Zum einen die sprachliche Perspektive:
Das Wort "Evangelisch" kommt aus dem Griechischen von "euangélion", was so viel wie "frohe Botschaft" heißt. "Evangelisch" heißt also "der frohen Botschaft von Jesus Christus in den Evangelien entsprechend". Es steht auch als Sammelbegriff für all die verschiedenen "protestantischen" Bewegungen nach der Reformation.
Oft wird es in dem Sinne "nicht-katholisch" verwendet, was aber all die anderen christlichen Kirchen (orthodoxe, armenische, Kopten etc.) aus dem Blick verliert. Ich halte es auch für schwierig, das eigene nur aus der Abgrenzung gegenüber dem andere zu definieren.
Ich möchte vielmehr fragen, was "evangelisch" selbst zu bieten hat. Was all die Evangelischen miteinander verbindet.
Auch da kann es etwas unübersichtlich werden. Denn der Begriff steht für viele und sehr vielfältige Ausprägungen christlichen Glaubens und die daraus entstandenen Gemeinschaften.
Wir in Vallendar gehören zur "Evangelischen Kirche im Rheinland" (EKiR), die Mitglied in der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) ist. Diese ist eine Gemeinschaft von 20 lutherischen, unierten und reformierten Kirchen in Deutschland.
Mit allen Unterschieden, die mit den verschiedenen Traditionen verbunden sind. Das alleine ist schon recht bunt.
Noch farbiger wird es, wenn man all die "Freikirchen" mit in den Blick nimmt, die auch evangelisch sind: Freie evangelische Gemeinden, Baptisten, Methodisten, Alt-Lutheraner und viele mehr. Es gibt auch Gemeinschaften aus der pietistischen Tradition, die als evangelikal bezeichnet werden. Die Richtung geht hier bis hin zu christlich fundamentalistischen Strömungen.
Unübersichtlich. Also: wo anfangen?
Bei einem selbst? Aber: sind wir nicht in unsere Tradition jeweils hineingeboren? Geprägt durch Familie und gesellschaftliches Umfeld? Wer hat sich schon bei der Taufe selbst entschieden evangelisch zu sein? Wir sind also in unserer Zugehörigkeit zur evangelischen Kirche meist ein Produkt unsere Umwelt. Nun ist es vielleicht etwas umrissen, was das Wort "evangelisch" heißt.
Was aber bedeutet es, "evangelisch zu sein"?
Ich meine zuallererst: Der frohen Botschaft verbunden sein. Der Botschaft von Gott, der Mensch unter Menschen wurde und so seine Liebe begreifbar und sichtbar hat werden lassen.
Und, dass wir IHM die Freiheit lassen, sich für SEINE Menschen in SEINER Liebe zu entscheiden. Dass wir uns also nicht selbst als Richterinnen und Richter über andere sehen oder aufspielen. Oder als HüterInnen der einzigen Wahrheit.
In dieser Freiheit, müsste aller Hass und alle Hetze überwunden sein. Ganz gleich von wem sie kommt. Diese Freiheit beinhaltet so dann auch die Erkennbarkeit einer Haltung. In Tat und Wort. Ganz unabhängig von irgendwelchen formalen Zugehörigkeiten.
Damit muss man lernen umzugehen. Denn es ist so verlockend, das eigene gut dastehen zu lassen, indem andere diskriminiert werden. Das, also das Leben der Freiheit der Liebe Gottes, ermöglicht uns Menschen respektvoll miteinander zu leben. Und auch zu streiten. Über Wege zu diskutieren. Unsere Haltung oder die anderer kritisch zu hinterfragen.
Das ist nicht immer einfach. Aber das hat ja auch keiner versprochen. Wir hätten es gerne einfach. Weil es einfach einfacher ist.
Wenn ich Gott das Maß aller Dinge sein lassen kann, muss ich es nicht selber sein. Auch ein Umstand, der der Freiheit Gottes geschuldet ist.
Meine Aufgabe ist es dann, gemäß der frohen Botschaft aus der so gewonnene Freiheit selbst etwas zu machen. Und Evangelisch wird dieser Weg, wenn wir es gemäß der frohen Botschaft von Jesus Christus tun. Ich drücke diesen etwas philosophischen Zusammenhang gerne in einem evangelischen Motto aus: "Macht, was ihr wollt. Überlegt euch nur gut was ihr wollt." Das geht auch mit vermeintlich anderen Menschen, Gläubigen, nicht gläubigen oder was auch immer.
So sind wir alle eingeladen, miteinander und nicht gegeneinander nach dem jeweils besten Weg zu suchen. Miteinander in aller Freiheit - auch zu scheitern und trotzdem wieder weiter zu machen.
Und wie sagt es Paulus im 1. Korintherbrief: "Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen!“ (1. Kor 16,14)
In diesem Sinne: frisch, fromm, fröhlich-evangelisch, frei ans Werk gemacht.
Ihr/Euer Pfarrer Gerd Götz
PS: Wer gerne noch ein wenig auf die Suche gehen möchte ist bei www.evangelisch.de auf einem guten Weg.
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