Mit Sinn für alles Schöne
Liebe Gemeinde,
bei den Worten "mit Sinn für alles Schöne" muss ich immer an eine Sendung im MDR aus Zeiten vor dem Internet denken. Eine Partnerbörse mit Videos von Männern und Frauen, die einen Partner oder eine Partnerin suchten. Oft eben auch einen Menschen "mit Sinn für alles Schöne".
Diese Suche nach dem Schönen im Leben legt die Vermutung nahe, dass es auch andere Erfahrungen gibt. Und da müssen wir nicht in Zeiten eintauchen, als VHS noch das dominierende Videoformat war. Das lässt sich im Hier und Heute auch finden. Lange suchen muss man da nicht.
Die Weltlage, die menschlichen Entgleisungen von Politikern, das Miteinander vor unserer Haustür oder auch dahinter.
Wie sollen wir das nur verkraften? Wie schaffen wir das?
Hilflosigkeit kann sich breit machen. Auch Hoffnungslosigkeit. Und das Gefühl dem allen nicht gewachsen zu sein, weil die unschönen Erfahrungen unser Leben dominieren.
Diese Zeilen entstehen, als die Narren eben noch bunt und schillernd, fröhlich und singend durch unsere Straßen gezogen sind. Und viele waren live dabei oder haben im Fernsehen zugeschaut.
Das ist jetzt - erst einmal - vorbei. Eine andere Zeit beginnt; ein anderer Schwerpunkt wird in den Blick genommen: Sieben Wochen lang Passions- und Fastenzeit.
Eben noch fröhlich unterwegs, jetzt traurig den Kopf gesenkt?
Dieser Eindruck kann bei vielen überlieferten Gedanken zur Passionszeit tatsächlich entstehen.
Ich möchte aber gerne den Sinn für alles Schöne bewahren. Nicht ganz so bunt und laut, aber doch schön und berührend.
Dafür lenke ich den Blick auf das Ziel der Fastenzeit: Ostern.
Bei diesem Fest geht es auch um die Passion, das Leiden Christi. Aber eben nicht nur. Wenn man bei Karfreitag stehen bleibt, verpasst man vielleicht das Eigentliche der Oster-Geschichte.
Denn an Ostern wird an den Tod Jesus gedacht, aber eben auch an seine Auferstehung.
Wie passt das zusammen? Und was ist daran schön, wenn einer sterben muss. Und: was heißt das eigentlich: "für uns, für mich gestorben"?
Wir sterben doch immer noch. Irgendwann!
Ja, der Tod bleibt auch nach Ostern das Ende des Lebens. Was aber ist mit dem Leben selber?
Ich glaube, es lohnt sich, in diese Richtung zu schauen. Auf das Leben mitten im Leben. Und dem, was mitten im Leben diesem Leben entgegensteht.
Ein Lied aus den 70ern bringt das schön zum Ausdruck: "Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung". Hier haben Peter Janssens die Melodie beigesteuert und der Priester Alois Albrecht den Text. Es wurde zu einem der Hits auf den Kirchentagen.
Auferstehung mitten im Leben. Aber wir leben doch?
Wenn wir stehen bleiben bei den Situationen im Leben, die uns nicht mit Lebendigkeit erfüllen, sondern eher die Sicht auf das Leben verstellen, uns Kraft und Mut, Zuversicht und Hoffnung oder einfach Lebensmut und Lebensfreude nehmen, dann sind wir mitten im Leben das Leben los.
Das ist eine Erfahrung, die leider nicht ganz neu ist. Sie wurde von Menschen immer wieder gemacht. Und dennoch trifft sie jeden und jede von uns immer wieder ganz neu.
Darum muss und darf die Geschichte von Ostern auch immer wieder und immer wieder neu erzählt werden. Weil sie nicht einfach ein historischer Fakt ist, sondern eine Geschichte, die Menschen zum Leben befreien kann.
Eine Geschichte in der Leid und Tod, Zweifel und Verzweiflung, Ratlosigkeit und Verrat vorkommen. Aber eben auch die Überwindung der Todeskräfte, Befreiung, Lebendigkeit und Hoffnung.
Insofern ist Ostern auch immer die Protest-Geschichte der Christinnen und Christen als "Protestleute gegen den Tod (Christoph Blumhardt).
Aber es ist nicht nur - der durchaus auch politische - Protest gegen den Tod, sondern auch ein Weckruf für das Leben.
Damit verbinde ich die Kraft und Fähigkeit einen Sinn für das Leben zu entwickeln. Einen Sinn für alles Schöne.
Den brauchen wir umso mehr, je mehr sich die Gegenkräfte ausbreiten. Denn für die Erhaltung des Lebens brauchen wir auch den Blick auf die schönen und guten Seiten. Einen Blick und Sinn für die liebevollen Momente, Worte und Taten.
Und wenn uns der verloren geht, braucht es Menschen und Geschichten, mit "Sinn für alles Schöne", die uns davon erzählen. Uns in das Leben zurückführen.
Oder uns im gespürten und gegenwärtigen Leben, darin bestärken, dass Gottes Idee das Leben ist. Nicht der Tod.
So wünsche ich uns allen nicht nur frohe, sondern auch schöne Ostern. Immer wieder. Jeden Tag.
Ihr/Eure Pfarrer Gerd Götz
Foto: www.pixelio.de
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