Angedacht Misericordias Domini

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben." (Joh 10,11a.27–28a)

Liebe Gemeinde,
Psalm 23 gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Psalmen in der jüdisch-christlichen Tradition: "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser."
Ein Bild, das es in sich hat. Denn wer ist schon gerne ein Schaf? Oder eine Ziege?

Ja, auf die Perspektive kommt es an. Und die mal hin- und her zu schwenken bringt vielleicht auch neue Erkenntnisse. Zum einen über die Worte der Tradition, zum anderen aber auch über uns selbst. Darüber, was diese alten Bilder in uns auslösen.

Bleiben wir mal beim Schaf oder der Ziege. Dumm, störrisch oder blöd ist das, was wir landläufig mit diesen Tieren verbinden. Mag sein, dass der IQ nicht besonders ausgeprägt ist. Aber ist er das bei allen Menschen? Mag sein, dass das Verhalten nicht immer angepasst ist. Also an das was wir gerne wollen. Eigen sind sie. Aber auch geeignet. In der Herde und in ihrem Verhalten Überlebenskünstler*innen. Prima an ihre Umwelt angepasst. Genügsam. Und eigentlich auch sehr eigeneständig.

So kommen wir zu dem Bild von dem Hirten. Gerne mal die Bilder vom lieben Jesus mit dem kleinen süßen Lämmchen auf Seite schieben,
Hirte sein war und ist harte Knochenarbeit. Gefährlich, anstrengend und ausgesprochen verantwortungsvoll.
Denn man hat die Verantwortung für die ganze Herde. 24 Stunden, Sieben Tage die Woche. Und diese Verantwortung wird um so größer, wenn man bedenkt, was die kleinen Huftiere für die Menschen zu den damaligen Zeiten (und für echte Hirten auch noch heute) sind: in erste Linie sehr, sehr wertvoll.
So wertvoll, dass das eigene Leben und Überleben davon abhängt. Milch, Fleisch, Wolle, Fell und Leder. Oder beim Verkauf auch Geld für andere Dinge.
Da sollte man gut drauf aufpassen. Nicht weil sie so nett und süß sind - sind sie auch. Aber vor allem, weil das eigene Auskommen davon abhängt.

Von daher müssen Hirten sich gut mit Ihren Viechern verstehen. Sie müssen wissen und spüren, was die Tiere brauchen. Aber die Schafe und Ziegen müssen sich auch darauf verlassen, dass der - um im Bild zu bleiben - "Leithammel" das weiß und weiterführende Ideen hat und Impulse gibt. Also führt und leitet. Zum frischen Wasser. Zur grünen Aue. Durch das finstere Tal. Wege zum Überleben oder gar welche, die in die Fülle führen. Schließlich war zu des Psalmes Zeiten frisches Wasser und fette grüne Auen eher Seltenheit oder gar Wunschtraum.

Wie sieht Jesus das? Oder was sagt er dazu? Schauen wir doch mal auf die Verben (ich habe noch "Tu-Wort" gelernt) im Wochenspruch aus dem Johannesevangelium:
"Gut-sein" "Hören" "kennen" "folgen" "geben".
Die Einladung steht: machen Sie etwas aus diesen Worten. Spielen sie damit. Lassen Sie ihre Gedanken und die Worte zusammen-spielen.

"Gut ist es, wenn man aufeinander hört, sich dadurch kennenlernt und sich damit im Folgenden viel geben kann".
Ja, der Kombinationen sind viele.
Und Spielen lohnt sich. Weil es Spaß macht. Wie die Kinder. Und es gelingt nicht immer alles. Da geht mal was schief. Aber die Kinder (wir?) lernen daraus. Und sagte nicht Jesus: "wenn ihr nicht werdet wie die Kinder"…?
Und wenn man miteinander spielt, kann man auch mit Fehler spielerischer, gnädig umgehen.- meistens jedenfalls.

So passt das Ganze auch zum Namen des kommenden Sonntags: "Misericordias domini". Der kommt aus Psalm 89 und Vers 2 lautet da: "Ich will singen von der Gnade des Herrn ewiglich".
Nun kommen wir zum Schluss noch mal zu dem Bild vom Hirten zurück. Weil es vielleicht naheliegt oder gar Freude macht, auch mit dem Bild zu spielen und es neu zu denken.
Wem dräut es schon? Wenn ein Pfarrer über Hirten schreibt? Ja, im Norden unseres Landes bezeichnet man meinereins mit "Pastor/Pastorin" was lateinisch ist und übersetzt "Hirte" heißt.
Und manch liebe Zeilen an mich Enden mit dem Gruß "Ihr Schäfchen".

Mit ein bisschen diebischer Freude grüße ich so alle Ziegen und Schafe, Hammel und Böcke, Lämmer und Zicken, die sich zu unserer Gemeinde gehörig fühlen. Von ganzem Herzen. Denn ich höre Ihnen gerne zu. Sie mir vielleicht auch. Viele kennen sich. Und manche sind auch folgsam. Manche gehen auch eigene - vielleicht bessere? - Wege. Wir können uns gegenseitig viel geben. Und: Sie sind alle sehr, sehr wertvoll.
Als alleinige Leithammel will ich mich nicht verstehen. Gemeindeleitung hin zu den erfrischenden Wassern und saftigen Auen mit der Hoffnung auf das ewige Leben im Herzen ist keine One-Man-Show. Das ist beharrliche Teamarbeit. Mit den anderen Hauptamtlichen, mit den vielen Ehrenamtlichen oder um es mit Luther zu sagen: mit Ihnen, den ganzen allgemeinen Priestern, sprich Hirt*innen zusammen.
Und dass ich nicht alleine bin, erlaubt auch mal eine Auszeit. Ich bin so froh, dass ich kein einsamer Hirte bin.

So grüße ich Euch und Sie alle sehr herzlich aus meinem Urlaub

Ihr/Euer Pfarrer Gerd Götz

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