Angedacht Judika

"Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele." (Mt 20,28)

Liebe Gemeinde,

viele Menschen in öffentlichen Positionen und an machtvollen Stellen betonen immer wieder, dass sie dienen wollen. Das findet sich auch eigentlich im Wort des (öffentlichen) Dienstes.
Das klingt ehrenwert und ist es auch. Insofern ist der erste Teil des Wochenspruchs für den kommenden Sonntag eher leicht zugänglich und lässt sich mit gegenwärtigen Erfahrungen verknüpfen.
Ausgesprochen schwer wird das aber bei dem Wort "Lösegeld". Das klingt nach kriminellen Machenschaften, Bedrohung von Leben, Geiseln, Gefangenen. Ein ausgesprochen widerliches Feld der Bilder und Assoziationen.

Was bitte hat das mit Gott zu tun? Wer nimmt hier wen gefangen und wer erpresst wen und bedroht das Leben der Geiseln?

Und wie soll ich hier die Kurve bekommen, dass trotz Passions- und Fastenzeit etwas Aufbauendes herauskommt? Etwas das einlädt, sich auf die Geschichte Gottes mit den Menschen in und durch Jesus Christus einzulassen? Wie bekomme ich den rächenden und bösen Gott aus Herz und Sinn?

Wenn mich solche und andere Gedanken quälen hilft es mir manchmal spazieren zu gehen. Also lade ich Sie und Euch auf einen Spaziergang ein. Verlasst, die Bilder und Gedanken, die Euch quälen und entdeckt Geschichten aus der Geschichte.

Dies Geschichten sind sehr alt und meist in Vergessenheit geraten. Kommt also mit in ein Land weit vor unserer Zeit. Als kleine Bauern und Handwerker und gernegroße Könige lebten. Als die Menschen mehr von der Hand in den Mund lebten, als große Reichtümer anzuhäufen. Das Leben war ok, aber eben immer geradeso. Sollte da dann aber etwas Unvorhergesehenes passieren - Sturm und Unwetter, Dürre oder Feuer - dann konnte es leicht geschehen, dass dieses knappe Auskommen ganz weg war. Dann musste man Schulden machen. Und vielleicht konnte man die zurückzahlen. Vielleicht auch nicht. Und dann musste man für den Geldverleiher arbeiten und gehörte quasi ihm. Schuldsklaven nannte man das. Es sei denn, man konnte von jemandem ausgelöst werden, der die Schulden bezahlte.
Oder man hat jemand anderem Schaden zugefügt. Dann musste man Schadenersatz zahlen. Also die Schuld auslösen. Oder ins Gefängnis gehen.

In solchen und ähnlichen Fällen sprach man damals von "Lösegeld". Hatte also nichts mit Geiseln und Erpressung zu tun. Wenn jemand - verschuldet oder unverschuldet - in schwierige Situationen gekommen ist, konnte er oder sie von dieser Schuld erlöst werden. Durch Geldzahlung oder Sachleistung. Und man konnte neu anfangen. War frei, sein Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen. Es war ein Akt der Befreiung.
Dazu gibt es auch zahlreiche Gebote im alten Testament, wie so etwas genau zu geschehen hat.

Nun zu dem Jesus-Wort.
Vielleicht gelingt uns ein Zugang, wenn wir statt "Lösegeld" "Befreiung" lesen: "…und gebe sein Leben als Befreiung für viele".
Dann stellt sich die Frage etwas anders: Befreiung von was? Befreiung wohin? Wie möchte Gott uns da helfen/dienen durch seinen Sohn (den er übrigens nicht einfach "opfert", sondern auferstehen lässt)?

Ich denke da wird es etwas einfacher. Wenn auch nicht simpel.
Und simple Antworten sind hier weder möglich noch angesagt. Wir dürfen uns aber vielleicht Gedanken machen, welche neue Freiheit uns Gott durch seinen Sohn und das Geschehen an Ostern schenkt. Für wen diese Freiheit gilt. Für viele oder nur für mich? Freiheit zur Hoffnung? Freiheit zur Gerechtigkeit? Freiheit als Erlöste an den Lösungen für die Fragen unserer Gegenwart mitzuarbeiten? Freiheit von der Geißel des Konsums? Augen zu und durch oder Augen auf und selbst was getan?

Ich kann gut verstehen, dass Ostern mit seiner komplexen und anspruchsvollen Botschaft etwas hinter der Geschichte von Weihnachten zurücktritt. Aber was wäre Weihnachten ohne die Ostergeschichte?
Auch wenn man - nicht nur an Ostern - immer wieder viel hin und her überlegen muss und darf, kann man Ostern trotzdem einfach auch feiern. Sich frei nehmen, das Leben sehen und auch genießen. Kraft schöpfen, um wieder aufzustehen und die Dinge anzupacken, die uns bevorstehen oder uns herausfordern.

Lasst uns hoffen und beten, dass uns das in irgendeiner Form dieses Jahr wieder gelingen kann.

Ihr/Euer Pfarrer Gerd Götz

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