Bild

Nachsehen oder Nachsicht



Liebe Gemeinde,

wenn ich mir das Bild betrachte, wird mir klar: wir haben klar das Nachsehen.
Zumindest, wenn es um solch schöne Winteridylle geht. Gerade zum Weihnachtsfest.

Nicht erst die Klimaerwärmung hat dafür gesorgt, dass in Vallendar "Weiße Weihnacht" zu den Ausnahmen zählt. Ausgenommen natürlich früher. Da war ja alles besser.

Aber bevor ich mich hier in meteorologische Besserwisserei verheddere, möchte ich den Gedankenblick darauf lenken, warum uns solch schöne Bilder so ansprechen. Und fast schwelgen lassen.

Sie transportieren eine Vorstellung - realistisch oder gefühlt -, die unsere Sehnsüchte anspricht. Darum funktionieren die vielen Symbole und Riten um Weihnachten so gut.

Lichter, die so sanft leuchten, Düfte, die so voll geladen mit schönen Erinnerungen sind, eine stille Welt, weil der Schnee so wunderbar den Schall dämpft.

Das sind alles Dinge die uns beruhigen, die den Puls senken und uns friedlich stimmen können.

Und da bin ich bei der Sehnsucht die, so glaube ich, allen Menschen ganz tief innewohnt. Die Sehnsucht nach Frieden. Und die verbinden wir in unseren Breiten mit diesen schönen Bildern. Dazu noch das Kreuz als uns vertrautes Symbol.

Wie schön!

Schön, oder kitschig? An der Oberfläche bleibend, sicherlich kitschig. Aber auch dem Kitsch wohnt ja eine Schönheit inne, die uns anspricht. Und mal "nachgesehen", was uns anspricht, also mit "Nachsicht" dem Kitsch begegnet, steckt da eine Menge drin. Eine Menge, die uns Menschen miteinander verbindet.

Und alleine schon diese Erkenntnis, bringt uns einen entscheidenden Schritt weiter, bei dem Auftrag, den Gott seinen Menschen im 34. Psalm mit auf den Lebens-Weg gibt:

14 Behüte deine Zunge vor Bösem
und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden.
15 Lass ab vom Bösen und tue Gutes;
suche Frieden und jage ihm nach!
16 Die Augen des Herrn merken auf die Gerechten
und seine Ohren auf ihr Schreien.
17 Das Antlitz des Herrn steht wider alle, die Böses tun,
dass er ihren Namen ausrotte von der Erde.
18 Wenn die Gerechten schreien, so hört der Herr
und errettet sie aus all ihrer Not.

Aus dem 15. Vers ist die Jahreslosung für 2019 entnommen: "Suche den Frieden und jage ihm nach."

"Jagen" und "Frieden"?

Ja und nein. Jagen erfüllt uns eventuell mit Bildern, die nicht unbedingt friedlich sind (bei aller Hege und Pflege hat die Jagd ja auch ein tödliches Ziel. Sei es auch aus Gründen des Überlebens).
Aber einem Ziel nachjagen - nicht einem Lebewesen - heißt ja, das Ziel erreichen zu wollen. Und das Ziel des Friedens ist wieder kompatibel mit der eben beschriebenen Sehnsucht, die alle Menschen verbindet.
Also ein Ziel für alle Menschen. Eine Jagd für alle. Ein Weg, den alle gemeinsam gehen sollen. Und sollten.

Schon den SchreiberInnen des Psalms war klar, dass das nicht "mal eben so" gelingt. Dass dieser Lebens-Weg auch ein Leidens-Weg sein kann. Darum auch die Erwähnung des Schreiens der Gerechten. Gerade da und dann war und ist es wichtig, das Gefühl, die Gewissheit zu haben, dass jemand dieses Leiden sieht und hört. Darum sind die Psalmen nicht nur Lieder für die Menschen, sondern auch Rufe, Gebete zu Gott. Ausdruck der Hoffnung, Ermutigung zum Weitermachen, Aussicht auf das Ziel.

Insofern ist auch unser Weihnachtsfest, mit seinen vielen Bräuchen und Riten eine solche Ermutigung, ein solcher Ausdruck auf Hoffnung.

Dass wir in unserem Feiern und Gestalten unsere Gefühlen und Sehnsüchte spüren und erfahren und mit dem verbinden können, was Gott mit uns Menschen will. Uns nahe sein, uns ermutigen uns immer wieder die Botschaft des Friedens nahebringen: Weihnachten, fest des Friedens.

Und gerade im Angesicht von 100 Jahren Kriegsende, 80 Jahren Reichsprogromnacht, Terror, Kriegen, Hunger und Elend in unseren Tagen, ist es wichtig den Frieden Gottes zu feiern. Den Frieden, den er uns durch seinen Sohn nahegebracht hat. Auf den er uns durch ihn immer wieder hinweist. Von dem wir uns anrühren und bewegen lassen dürfen, um die Kraft zu finden, ihn durch unser Reden und Handeln in die Welt zu bringen.

Dabei dürfen wir gewiss sein: Wenn wir auf diesem Weg gehen, haben wir nicht das Nachsehen. Sondern in weiser Voraussicht das vor Augen stehen, was das Ziel unseres Strebens und Jagens sein soll: "Suche den Frieden und jage ihm nach."

Das ist kein leichter Weg. Er ist manchmal steinig und schwer. Wie so vieles im Leben. Aber es ist auch dabei wie im richtigen Leben: gemeinsam an diesem Ziel zu arbeiten, mit allen, birgt die Chance, diese Herausforderung gestalten zu können.

Und das hat dann nichts mit kitschiger Verklärtheit oder dem so oft beschimpften "Gutmenschentum" zu tun. Sondern mit einer konkreten Vision, mit einem Ziel und mit konkreten Taten und Werken.

Mit klaren Ansagen und auch Grenzziehungen. Mit der Bereitschaft Konflikte zu erkennen und zu bearbeiten. Mit dem Mut diese Konflikte anzugehen. Und friedvoll zu lösen.

Un-Nachsichtig mit den Strategen der Gewalt und des Hasses und der Ausgrenzung. Nachsichtig mit den einzelnen Menschen, die sich tief im inneren - vielleicht auch unter jenen - nach Frieden sehnen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen/Euch viele wunderbare Momente, viel friedliche Gedanken und Gefühle, auf dass diese uns alle stärken und zusammenbringen. Auf dem Weg zu einem guten Leben. Für alle.

Einfach eine schöne, gesegnete und friedvolle Advent- und Weihnachtszeit.

Ihr/Euer Pfarrer Gerd Götz



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erstellt am 30.11.18