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Gedanken zum Herbst



„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“

Liebe Leserinnen und Leser,

dieser Satz wird Martin Luther zugeschrieben. Hat er aber gar nicht gesagt! Und auch nicht geschrieben. Und doch ist es ein Satz Luthers. Zumindest ist es einer der legendären Sätze Luthers. Eben eine Legende.

Sind aber Legenden falsch? Wenn wir das so betrachten können wir einen Großteil unserer christlich-jüdischen Tradition getrost dem Schredder übergeben.

Aber selbst, wenn man bei Legenden davon ausgeht "dass es sich um „unzutreffende Tatsachenbehauptungen“ handele" können "einzelne Legenden einen Kern von historischer Wahrheit enthalten, indem sie in bildhafter oder szenischer Erzählform den Kern […] eines Geschehens zu vermitteln suchen, auch wenn die jeweils erzählte Geschichte quellenmäßig unverbürgt ist"

So die Enzyklopädie "Wikipedia". Darin liegt auch ein bedeutsamer unterschied zu Märchen oder Sagen. Oder den "fake-news" unserer Tage. Frei nach Goethes Faust geht es also um "des Luthers Kern".

Und da helfen uns solche legendären - oder besser legendarischen - Erzählungen und Zitate weiter. Sie setzen uns auf eine Spur, die zu grundlegenden Erkenntnissen über ein Ereignis oder eine Person führt.

So wird der Apfelbaum im Angesicht des Weltuntergangs zu einem Symbol für eine Kraft, von der Luther gezehrt hat. Die er lange suchen musste. Die sich aber in vielen Schriften und Worten von ihm wiederspiegelt.

Hoffnung als Prinzip, das sich aus dem Vertrauen auf, dem Glauben an einen gnädigen Gott nährt.

Ganz gemäß seinem Prinzip "sola scriptura", also alleine die Heilige Schrift als Grundlage, als Autorität für den gelebten Glauben zu nehmen, lohnt sich ein Blick auf eben diese Schrift. Denn sie ist voll von Legenden und Erzählungen, die nicht den Anspruch haben eine historische Tatsache zu vermitteln, sondern eher etwas über das Leben der Menschen mit Gott.

Oft wird das leider nicht ernst genommen, also die Schrift selbst, und somit als Märchenbuch abgetan. Aber schon in dieser Bezeichnung lässt sich der Fehler erkennen: es sind keine Märchen, sondern vielfach Legenden, die eben des Pudels Kern vermitteln wollen.

Und das war auch die wertvolle Erkenntnis von Martin Luther. Es geht nicht um Rechtfertigung von menschlicher Macht, sondern um die Erkenntnis, dass Gott alleine letzter Richter ist, und sich alle, gleich ob König oder Bauer, vor ihm verantworten müssen bzw. dürfen.

Dabei stieß er natürlich auf das Problem, dass es trotz der Erkenntnis, dass Gott alleiniger Ursprung und Herrscher ist, wohl eine Ordnung geben müsse, in der die Menschen hier auf Erden leben können und müssen.

Da war Luther dann ein Kind seiner Zeit und nicht alles, was aus seinem Ansatz der Ständeordnung oder der - dann doch - zwei Regimenter, also der jeweiligen Ordnungen für Welt und Himmel hervorging, können wir heute so ohne weiteres übernehmen. Da gibt es auch einige dunkle Flecken im Leben und Wirken Luthers.

Umso mehr finde ich, bei aller notwendig kritischen Betrachtung des Reformators, gerade den Satz vom Apfelbaum so aussagekräftig. Denn er lässt sich auch unabhängig von historischem Zusammenhang als eine fundamentale Erkenntnis erfassen.

Es ist ein grundlegendes Vertrauen, das hier zum Ausdruck kommt. Allen Unkenrufen zum - heiligen - Trotz: das Leben im Blick behalten. Und der Apfelbaum drückt auch noch etwas anderes aus, was ich besonders charmant finde:

Das, was wir da dem vermeintlichen Untergang der Welt entgegensetzen, braucht Zeit. Denn der Apfelbaum trägt nicht morgen oder übermorgen seine Früchte. Das dauert in der Regel ein paar Jahre. Also eine gute Portion Geduld und Langmut ist gefragt. Aber eben auch eine Perspektive, die nicht nur auf das hier und jetzt schaut. Vielleicht würde man solches Handeln heute als "nachhaltig" bezeichnen.

Insofern ist vielleicht besonders der Gedenktag der Reformation, der 31. Oktober, Anlass auf das zu schauen, was Luther und anderen Menschen Hoffnung und Kraft gegeben hat. Und darauf, was uns davon heute noch ermutigt.

Möglicherweise ein Tag voller Dankbarkeit und Ermutigung. Mit Rückblick und Ausblick. Mit Hoffnung und Vertrauen auf Gott und seinen Weg mit den Menschen. Und der Möglichkeit uns gegenseitig zu bestärken. Darin, diesen Weg Gottes mitzugehen. Und uns in der Gemeinschaft zu stützen, wenn wir Zuversicht und Kraft verlieren.

Dann können auch ein Apfelbaum oder seine Früchte zum Symbol werden, das zwar nicht historisch verbürgt ist, in dem aber viel Wahres steckt. Gerade für eine immer wieder zu reformierende, zu erneuernde Kirche.

Wieder frei nach einem Slogan aus den 80ern: Es gibt - immer wieder - viel zu tun. Packen wir es an.

Ihr Pfarrer Gerd Götz

*https://de.wikipedia.org/wiki/Legende Abruf am 27.08.2017



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erstellt am 01.09.17