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Angedacht



Es ist vollbracht

Liebe Gemeinde,

vielleicht denken Sie bei diesen Worten direkt an die letzten Worte Jesu am Kreuz.

Das wäre passend zur Jahreszeit. Aber würden Sie diese Worte auch so aussprechen? Wir sagen heute eher "geschafft" oder in Valler "fäddisch".

Die Wortwahl in der Übersetzung des Johannesevangeliums ist heute nicht mehr allgemein gebräuchlich. So spricht keiner mehr. Und bei Menschen mit einem gewissen christlichen Hintergrund gehen die Gedanken automatisch zur Kreuzigung Jesu. Dem Moment, kurz vor seinem Tod. Seine letzten Worte.

Wobei letzteres nicht stimmt. Es waren nicht seine letzten Worte. Er hat sich noch einmal seinen Jüngern gezeigt und mit ihnen gesprochen. Und das macht das Besondere an diesem Ausspruch aus: Im Lichte der Auferstehung klingen diese Worte weniger endgültig. Man kann sich auch fragen: Was ist vollbracht? Oder was heißt es, dass Jesus oder jemand anderes da etwas "vollbracht" hat?

Mir kommen diese oder ähnliche Worte immer dann in den Sinn, wenn ich etwas geschafft habe: Die Endredaktion für einen Gemeindebrief, ein Wochenende mit vielen Gottesdiensten, ein neues, aufwändiges Rezept am heimischen Herd.

Meistens sind das keine alltäglichen, normalen Dinge, sondern schon besondere Herausforderungen. Und so etwas geschafft zu haben, ist schon ein gutes Gefühl. Besonders, wenn es dann auch so gelungen ist, wie ich mir das vorgestellt habe. Wenn etwas Besonders fertig ist.

Fertig ja, aber zu Ende?

Die Endredaktion des Gemeindebriefes zum Beispiel heißt - hoffentlich - eben gerade nicht, dass er "zu Ende" ist. Sondern, dass seine eigentliche Bestimmung jetzt folgen kann: er wird an die Haushalte verteilt und gelesen (übrigens mehr als man denkt. Danke für die Rückmeldungen nach der letzten Ausgabe). Und auch die Tätigkeit am Herd ist geschafft, aber das eigentliche kommt noch: das gemeinsame genussvolle Essen. Und selbst bei den Gottesdiensten gibt es die Vorstellung, dass diese nicht einfach vorbei und erledigt sind, sondern noch nachwirken. Vielleicht nur mit einem Ohrwurm, der von einem Lied übrig geblieben ist oder mit einem guten Gedanken, den man mit nach Hause nimmt.

Egal, was man von diesem oder anderem vollbracht hat, man muss es dann auch loslassen und wirken lassen. Können. Das fällt nicht immer leicht: fehlt noch eine Prise Salz, hätte nicht dieser oder jener Artikel rein gemusst, sind alle Tippfehler beseitigt? Habe ich alles richtig gemacht?

So hat der Moment des "Vollbracht" oder "Fertig" etwas abschließendes, aber auch etwas Beginnendes. Es ist eben nicht "aus und vorbei".

Nicht das Letzte

So höre ich auch die Worte Jesu am Kreuz: es ist ein Schritt vollendet, aber es ist nicht der letzte. Bedeutsames oder wichtigeres kommt noch. Die Bestimmung des ganzen Geschehens ist noch nicht erreicht.

Insofern stehen das Kreuz und der Tod Jesu nie alleine. Sie sind immer von der Auferstehung her und auf die Auferstehung hin zu verstehen.

Jesu Tod ist nicht das letzte, was bleibt. Darin liegt ja gerade das unfassbare und vielleicht auch unvorstellbare: dass Gottes Zuwendung zu den Menschen stärker ist als der Tod. Dass er selbst in seinem Sohn mit uns in den Tod geht, aber auch mit uns darüber hinaus. Auch für uns muss mit dem Tod nicht alles einfach zu Ende sein. Es geht weiter, es kommt noch etwas. Das eventuell sogar das eigentliche Ziel ist: ein Leben bei Gott, befreit von aller menschlichen Last (Offb 21), angereichert mit aller uns im Diesseits verborgenen Erkenntnis (1. Kor 13).

Neuanfang.

Daher ist die Fasten- oder Passionszeit keine Vorbereitung auf das Ende, sondern der Blick auf einen Neuanfang. Ein für alle Mal von Gott in Jesu Auferstehung und immer wieder neu für uns. An Ostern, aber auch an jedem Tag. So ist zum Beispiel der sonntägliche Gottesdienst immer auch eine Erinnerung an die Auferstehung. Die Osterkerze, in der Osternacht neu entzündet, macht uns das als Symbol in unseren Versammlungen sichtbar. In unserem Fall ist es sogar ein besonders schönes und starkes Symbol: ist sie doch ein immer wiederkehrendes Geschenk der katholischen Geschwister, das auf das hinweist, was uns bei allen Fragen und Unterschieden miteinander verbindet: das "Ja" Gottes zu uns Menschen.

So freue ich mich auf die Osterzeit und die vielen Tage, die noch kommen, in der Hoffnung, dass wir alle gemeinsam im Licht dieser Liebe unsere Welt und unser Leben gestalten.

In diesem Sinne: auf ein Neues!

Ihr Pfarrer Gerd Götz



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erstellt am 25.02.18